Sarah und ihr zweisprachiges Kind

Kennt ihr eigentlich schon Sarah und ihren Blog Lotte & Lieke ? Ich selbst lese wirklich sehr gerne bei ihr, vor allem wenn es mal wieder um ihr Leben in den Niederlanden geht. Ihr findet aber auch tolle schnelle Rezepte und interessante Artikel über das Leben als Mama bei ihr. Schaut unbedingt mal vorbei. <3

Sarah hat mir mit einem Gastbeitrag geholfen, meine Urlaubszeit ein wenig zu überbrücken und erzählt uns heute davon, wie es für sie ist, ihr Kind zweisprachig aufwachsen zu lassen. - Danke nochmal dafür. :-)





Leicht gestresst lasse ich mich auf den viel zu harten Sitz des Zuges fallen – endlich Zeit zum Verschnaufen. Lotte, die ich gerade noch auf den Sitz neben mich geparkt hatte, klettert gerade an mir hoch. Ich lasse sie aus dem Fenster schauen, während der Zug sich langsam in Bewegung setzt. Die grüne Landschaft hier im Süden der niederländischen Provinz Limburg ist für niederländische Verhältnisse wirklich sehr hügelig.



Gemeinsam bestaunen wir die Umgebung. Immer wieder ruft sie verzückt: „Mama, kijk!“ (niederländisch für schau, wird [keik] gesprochen).
Wir sitzen allein im Abteil, sind unter uns. Ich erkläre ihr, was wir alles sehen können: „ Schau mal, die Bäume. Siehst du den Vogel? Und da unten, ein Haus. Da wohnt der Bauer mit seiner Familie.“ Und sie ruft:“Mama kijk – Kuh!“. Ich grinse in mich hinein, weil ich dieses Wort nun am liebsten von ihr aufgeschrieben sehen würde. Meint sie koe oder Kuh? In diesem Fall ist es egal, denn es bedeutet das Gleiche. Und mir fällt mal wieder auf, wie nahe die niederländische und die deutsche Sprache bei einander liegen.


„Kukula?“ fragt sie mich und zeigt den Gang entlang. Ich versuche ihrem Finger mit meinem Blick zu folgen. Ein großes Fragezeichen über meinem Kopf. Und wieder:“Kukula?“. Ich frage sie, was sie meint und beginne mit einem Ratespiel: „Meinst du die Frau dort hinten? Der Bildschrim, auf dem die Nachrichten erscheinen? Da ist das WC, meinst du das vielleicht?“. Sie antwortet mir immer eindringlicher mit „Kukula!“. Kukula, Kukula… was kann das denn bedeuten? Ich schaue mich beinahe hilfesuchend um – gibt es denn hier niemanden, der fließend Kleinkindisch spricht, am besten ein Niederländer mit deutschen Wurzeln? Oder von mir aus auch andersherum. 

 Lotte zeigt immer energischer in den Gang und schüttelt heftig mit dem Kopf. Scheinbar spielen wir ‚Ich-sehe-was-was-du-nicht-meinst‘.
„Schatz, was bedeutet das denn?“ frage ich verzweifelt. Wir geben beide auf - sie fühlt sich unverstanden und ich mich wie eine Rabenmutter, die ihr eigenes Kind nicht versteht.
 
Als wir uns letztes Jahr entschlossen haben in die Niederlanden zu ziehen, war das für uns kein sonderlich großer Schritt – es waren ja nur knapp 30km in die andere Richtung. 
 
 

 Es war auch wirklich kein großes Ding. Zum einen, weil wir im Dreiländer-Eck in Aachen wohnten und die Grenzen hier eh so ziemlich verschwimmen. Zum anderen wäre es nicht das erste Mal, dass wir in den Niederlanden wohnen würden. Wir hatten damals beide einige Zeit in Enschede gewohnt, hatten dort studiert. Wir sprechen die Sprache und lieben das Land und die Leute.
Eines war diesmal jedoch anders: wir würden unser Kind in den Niederlanden aufwachsen lassen. Es würde mit einer weiteren Sprache aufwachsen, Freundschaften mit niederländischen Kindern schließen, einem anderen Schulsystem unterstellt sein. Wir würden ein zweisprachiges Kind aufwachsen lassen. Spannend und eine Herausforderung - das war uns von vornherein bewusst.
 
Nach Lottes erstem Geburtstag sollte ich wieder arbeiten gehen. Für mich war es selbstverständlich eine niederländische Tagesmutter zu suchen. Nicht nur weil das organisatorisch am einfachsten war, sondern auch, weil es wichtig ist, dass zweisprachige Kinder den Kontakt zu native Speakern bekommen, also Muttersprachler.
 
Zu Beginn unseres Zwei-Sprachen-Abenteuers hatte ich mir einige Gedanken gemacht. Wie kann ich meine Tochter unterstützen beide Sprachen zu lernen? Sollten wir Zuhause deutsch oder niederländisch sprechen? Kaufe ich deutsche oder niederländische Kinderbücher? Ich wollte es einfach richtig machen.
Leider wurde ich im Netz immer nur kleckerweise mit Infos versorgt, was ich jedoch fand waren Empfehlungen von Sprachwissenschaftlern die sagten:
 
-          Kinder sollen in der Landessprache am sozialen Leben teilnehmen (also Kita, Schule, Vereine usw.)
-          Zuhause sollte die Sprache gesprochen werden, in der sich die Elternteile am wohlsten fühlen (also ihre Muttersprache)
-          Kinder lernen die verschiedenen Sprachen personenbezogen und wenden es dort auch so an (was also bei uns Zuhause der Löffel ist, ist bei der Tagesmutter der lepel)
-          Kinder die zweisprachig aufwachsen beginnen häufig erst etwas später mit dem Sprechen, haben dann aber einen größeren Wortschatz als Gleichaltrige

Aus meiner Erfahrung würde ich jedoch noch einen Punkt ergänzen und der wäre: Jedes Kind ist anders und jede Familie sollten den Weg gehen, der ihnen und der Entwicklung ihres Kindes gut tut.
 
Ich gebe zu, anfänglich machte ich mir schon ein bisschen Sorgen darüber, dass Lotte noch so wenig sprach. Sie plapperte den lieben langen Tag; aber kaum etwas Verständliches. Sie machte sich mit deuten auf Dinge gut verständlich, aber wenn die Aussagen von Anderen dann kamen, wie:“ Na, so muss sie ja auch nicht sprechen lernen!“ oder „Spricht sie immer noch nicht richtig?“, dann wurmte es mich schon. 
 
Heute sehe ich das alles gelassener. Denn ich merke, dass sie eigentlich alles versteht, was wir sagen, egal ob Niederländisch oder Deutsch. Sie reagiert auf Fragen, kann Aufgaben erledigen und ist eigentlich nie frustriert, weil sie sich nicht mitteilen kann.
 
Und mittlerweile ist sie 22 Monaten alt und sie beginnt nun, nach und nach, mit einem Tempo neue Wörter zu lernen, dass ich gar nicht hinterher komme, das alles zu bemerken. Aber sie weiß dabei genau zu unterscheiden.
Die Tagesmutter berichtet davon, was sie alles auf Niederländisch erzählt, wie viele neue Wörter sie von Woche zu Woche spricht. Wörter, die sie Zuhause nicht benutzt. Sie zeigt immer noch auf die Windel, nennt sie aber vor mir niemals luier – als würde sie denken „Das versteht Mama eh nicht, das versteht nur die Tagesmama.“

Bei der Tagesmutter wiederrum spricht sie nie Deutsch, benutzt jedoch die Wörter, die im Niederländischen und Deutschen gleich sind, wie Komm! Zum Bespiel.
 
Spreche ich mit ihr in der Öffentlichkeit Niederländisch (mir ist es wichtig, dass sie sieht, dass Mama und Papa sich ebenfalls integrieren), schaut sie zwar anfänglich immer etwas skeptisch, versteht jedoch alles und reagiert dann mit einem Mix aus Deutsch und Niederländisch.
 
Ich finde das alles sehr spannend. Ich bin überwältigt von der Fähigkeit meines Kindes, die auch alle anderen Kinder besitzen, zwei Sprachen völlig unabhängig voneinander zu lernen und genau einzuschätzen, mit wem sie wie sprechen kann.

 
 
Und auch die anfänglichen Bedenken der Großeltern kann ich nun revidieren. Sie werden keinen Sprachkurs machen müssen, damit sie ihr Enkelkind verstehen. Sollen Oma und Opa mitkommen, sagt sie laufen anstatt lopen. Die sind doch Deutsch, ganz klare Kiste.
 
Und trotzdem bleibt ein Problem die ganze Zeit bestehen: neben all den neuen niederländischen und deutschen Wörtern die sie lernt, plappert sie den Großteil des Tages eine dritte Sprache. Und während ich mich mal wieder frage, ob dies nun ein deutsches oder niederländisches Wort darstellen soll, wird mir eines wieder einmal bewusst:  ich spreche leider bis heute kein Kleinkindisch. Und was „kukula?“ bedeutet, habe ich bis heute noch nicht herausgefunden.

Viele liebe Grüße,

Sarah

Kommentare:

  1. Liebe Sarah,
    danke für diesen tollen Blogbeitrag! Es fühlte sich an wie ein Auszug aus unserem Alltag. �� Wir erziehen unsere beiden Kinder auch zweisprachig (deutsch und französisch) und zumindest bei unseren "Großen", die witzigerweise auch 22 Monate alt ist wie deine Tochter, machen wir die gleichen Erfahrungen wie du: sie hat auch relativ spät angefangen zu reden (bzw sehr lange Kleinkindisch gebrabbelt) und spricht seitdem wie ein Wasserfall - in beiden Sprachen! Jeden Tag lernt sie gefühlt 20 neue Wörter und überrascht uns mit ihrem breitem Wortschatz. Oft sagt sie ein Wort in beiden Sprachen, z. B. heiß chaud beim Essen oder nass mouillé bei Regen. Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Kinder Sprachen lernen! Ich hoffe, unsere Kleine (7 Wochen) wird es genauso gut machen wie unsere Große.

    Das Wichtigste bei der zweisprachigen Erziehung ist die Konsequenz: das Kind braucht für jede Sprache eine Bezugsperson. Das fällt mir manchmal nicht leicht, wenn ich mit meiner Tochter z. B. bei der Krabbelgruppe bin: dann erscheint es mir manchmal als unhöflich, wenn ich französisch mit ihr spreche und niemand mich versteht... Aber wir bekommen nur positive Resonanz, jeder findet es toll, dass wir zweisprachig erziehen. Ich hoffe, du bekommst auch so positive Reaktionen. Dir alles Gute! Janine

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  2. Hut ab, dass das mit der Zweisprachigkeit bei Euch so gut klappt, vor allem auch, weil Eure Kleine in dem perfekten Alter ist, um beide Sprachen spielerisch zu lernen. Bei uns hier sieht das schwieriger aus- ist aber vor allem meine "Schuld"! Ich habe auch mal darüber auf meinem Blog geschrieben: https://mammamiamitzweimaeusen.wordpress.com/2016/05/14/sprachbarrieren-oder-die-verzwickte-zwiespaeltige-zweisprachigkeit/ Kannst ja mal reinlesen, wenn Du Lust hast!! Viele Grüsse! Claudia

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  3. Ach, toll! Wir sind damals nach Frankreich gegangen als meine Tochter 22 Monate alt war und sie sprach schon ziemlich gut deutsch. Französisch hat sie sich dann im Kindergarten ziemlich lange nur angehört und dann plötzlich in ganzen Sätzen gesprochen.
    LG, Yvette

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Dieser muss erst von mir freigeschaltet werden, ist dann aber sichtbar. :-)